Die Geschichte

Wie der Lago Maggiore zum Land der Gärten und des Fremdenverkehrs wurde

Dank seiner erheblichen Ausdehnung sorgt der Lago Maggiore , wie alle grösseren Seen, in seiner gesamten Umgebung für ein mildes Klima. Wegen der fehlenden ebenen Flächen (die Berge enden unmitelbar an den Seeufern) hat jedoch die Landwirtschaft, von der bis ins 18. Jahrhundert reichenden Olivenölherstellung abgesehen, nur wenig Verbreitung gefunden.
Villa San Remigio


Andererseits hat die Entferntheit von den grossen Städten wie Mailand und Turin dazu geführt, dass die Region als Ferienort mit Sommerresidenzen und Gartenanlagen genutzt wurde : allein die Familie Borrromeo (die grössten Feudalherren am Lago) hat sich mehrere Generationen lang der Bebauung der Isola Bella mit der Errichtung eines grossen Palastes und einzigartiger Gärten gewidmet.

Die Situation änderte sich jedoch schlagartig im Zuge der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Das reichhaltige Vorhandensein von Wasser und Holz sowie Seewegen in Richtung Schweiz und Mailand hat die Region aus ihrer Isoliertheit geführt. Der erste dampfgetriebene Webstuhl in Italien wurde unter Napoleon genau hier in Intra (heute Intra-Verbania) gebaut , was den Ort schnell als "Manchester Italiens" bekannt werden liess. Seither hat sich die Zahl der Fabriken über anderthalb Jahrhunderte hinweg vervielfacht und zur einer massiven Zuwanderung von Investoren und Arbeitern geführt.

Im Laufe der Zeit bildete sich ein Stamm von teilweise auch aus Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz kommenden Unternehmern, die ihre Wohnung in unmittelbarer Nähe ihrer Produktionsstätten haben wollten.

Dank der überwiegend unbewohnt gebliebenen Küstenstreifen konnten die Villen mit grossen , zum Teil riesigen Gärten umgeben werden. So war es möglich, dass die bislang weitgehend als Olivenhain genutzte Isola Madre zu dem Botanischen Garten nach englischem Vorbild wurde, wie wir ihn heute kennen.

Im Zuge des zunehmenden Verkehrsaufkommen wuchs auch die Zahl der Besucher , die die Schönheit der Natur und das in der Region herrschende Klima schätzen lernten .So kam es, dass diese Gegend ein begehrtes Ziel im Rahmen des zu Beginn des 18. Jahrhunderts üblichen Grand Tour wurde. Dies wiederum stärkte die Rolle des Fremdenverkehrs , der allmählich zur wichtigsten wirtschaftlichen Tätigkeit vieler Ortschaften wie beispielsweise Stresa wurde.

Im Laufe der Jahrzehnte immer mehr als Ferienziel geschätzt sind in der Region im 18. und 19. Jahrhundert hunderte von Villen entlang der Seeufer entstanden, naturgemäss meist in den weniger von den Industrieaktivitäten betroffenen Gegenden. Nachdem zunächst einmal ein eigenartiger , exotischer" Baustil wie der des Schweizer oder Alpinen Chalets (es gibt davon auch heute noch mehrere) in Mode kam, gewann schliesslich ein etwas eleganterer , mit den künstlerischen Tendenzen der Epoche einhergehender Baustil die Oberhand: vom späten Neoklassismus bis zum Umbertinischen Eklektismus, von der Art Nouveau bis zur Art Déco , bis hin zum rationalistischen Stil und den zeitgenössischen Kunstströmungen
Die Villa San Remigio in einem Aquarell von Agostino Rossi

Zwei Zwillings-Villen

Am Höhepunkt der Leidenschaft für von riesigen Gärten umgebene Anwesen entstanden , nahezu im Wettbewerb untereinannder, die beiden Zwillingsvillen. Gebaut wurden sie zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert in der Ortschaft Pallanza (heute Pallanza - Verbania) , die seinerzeit bereits als renommiertes Touristenziel bekannt war. Der Marchese Casanova am Klavier (Bechstein) im Musikzimmer der Villa San Remigio

Es handelt sich um die heute als Botanischer Garten weltweit bekannte und für die Besucher offen stehende Villa Taranto sowie die daran unmittelbar angrenzende Villa San Remigio , mit der sie den riesigen auf dem Castaganola-Hügel liegenden Park teilt. Möglich war die Entstehung dieser durch wahrhaftige Meisterwerke der Gartenbaukunst bekannten Villen nur durch die im Laufe der Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen aus Anbauversuchen und Zuchterfolgen.

Doch im Fall der Villa San Remigio handelt es sich auch um einen romantischen Traum, der am Ende eines Lebens zweier Eheleute (der Graf Silvio della Valle di Casanova und seiner italienisch-irischen Gattin Sofia Browne (..) stand, die sich dem Bau der Villa mit seiner Gartenanlage widmeten und diese neben ihrem ganz privaten Liebestraum auch als gemeinsames Kunstwerk verstanden.
Der Marchese Casanova am Klavier (Bechstein) im Musikzimmer der Villa San Remigio

Die Gärten des Lago Maggiore

Die ersten Gärten des Lago Maggiore sind aus der Initiative reicher , oft als "Ausländer" bezeichneter Unternehmer entstanden. Von ihren früheren Villen brachten sie erfahrene Gärtner mit , die sehr rasch eine lokale , bis heute andauernde Tradition an Gartenkunst und Gewachshäusern in Gang setzten. Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts verbreiteten sich am Lago Maggiore von orstsansässigen Familien betriebene Baumschulen und Blumengewachshäuser, die sowohl für den örtlichen Bedarf als auch für den Export tätig waren und teilweise auch exotische oder seltene Pflanzen züchteten.

Die Milde des Klimas bot zudem eine kaum zu wiederstehende Versuchung, die Parks und Gewächshäuser der Villen als "Akklimatisierungsgärten" zu nutzen. Sie wurden mit neuen , bislang nicht produzierten Gewächsen aus fünf Kontinenten und europäischen Sorten besonderer Seltenheit bepflanzt . Auf diese Weise entwickelte sich ein Wettbewerb zwischen den Gärtnereibetrieben, der zum Angebot neuer , hochwertiger Pflanzenarten einschliesslich Palmen, Bananen und subtropischer Farnkräuter führte.

Es zeigte sich, dass die Erde besonders gut geigenet war für den Anbau von azidophilen Arten wie Kamelien, Azaleen, Magnolien, Gardenien und Rododendren , die in dieser Epoche "entdeckt" und vermehrt nach Europa eingeführt wurden. Im Laufe der Zeit haben sich diese Arten so gut an die Wachstumsbedingungen angepasst, dass sie nicht nur zu einem Exportschlager , sondern auch zu einer besonderen Charakteristik der am Lago Maggiore üblichen Gartenanlagen wurden

Die Kapelle der Villa San Remigio

Auf das Jahr 1898 geht auch der Bau der Kirche der Villa San Remigio zurück, die ursprünglich als katholische Privatkapelle der Familien Della Valle und Browne gedacht war. Das Gebäude lag seinerzeit am Rande des Villenparkes , wurde dann aber durch den Bau einer modernen, asphaltierten Seestrasse vom Anwesen getrennt. (Die Strasse , die Intra mit Palanza verbindet, weist inzwischen eine , auch für Jogger geeignete Fahrradpiste auf.).
Die Kapelle von San Remigio in einem Photo der 40er Jahren

Wie die übrigen Gebäude der Villa San Remigio auch ist die Kapelle in eklektischen Stil errichtet worden. In diesem Fall handelt es sich um eine Nachahmung des von den Mailänder Architekten Pellegrino Tibaldi und Galeazzo Alessi verwendeten eleganten und strengen Klassizismus. Näher betrachtet hat der Bau , fast bis hin zum Plagiat, die nicht weit entfernte und zur Schule des Alessi gehörene Kapelle des Sacro Monte di Orta (genau gesagt, die elfte) zum Vorbild.

Der Bildhauer Riccardo Ripamonti, der Musiker Busoni una der Maler Boccioni au fer Terrasse von Villa San Remigio (Juni 1916)
Lo scultore Riccardo Ripamonti, il Marchese, Busoni e Boccioni sul terrazzo di San Remigio (giugno 1916)

Nach dem Tod der Grafin Bowne wurde die Kapelle von der Villa San Remigio getrennt, danach als privates Anwesen verkauft und schliesslich in die Villa umgebaut, wie sie heute am Ufer des Lago zu sehen ist. Der restliche Besitz hingegen ging zunächst an die Tochter der Eheleute Della Valle und schliesslich im Jahre 1977 an die Landesregierung des Piemont , die sie wiederum als Bürogebäude an die Prozvinzialverwaltung von Verbania abtrat. (im Dezember 2011 wurde die "Cartolarizzazione" und die Rückführung in Privatbesitz beschlossen)

Im Verlauf der Geschichte und Besitzerwechsel wurden an der kleinen Kirche zahlreiche Veränderungen (wie zum Beispiel die Anbringung eines zementierten Balkons auf der Frontseite) vorgenommen, während der Park eine Zeit der Vernachlässung und Verwilderung durchmachte.

Die Restaurierung der Kapelle im Jahre 2009 hat dazu geführt, dass neben einer Moderniesierung und technischen Normenangleichung im Inneren auch die Aussenmauern renoviert wurden . Ausserdem wurden die Nebengebäude abgerissen und damit ihr ursprüngliches Aussehen wieder hergestellt . Gleichzeitig wurde sie der Aufsichtsbehörde für schöne Künste unterstellt.

Auch der Park ist weitgehend wiederhergestellt und erneuert worden, indem die inzwischen Jahrhunderte alten Bäume und das Belvedere con Berceau wiederer zugänglich gemacht wurden. Gleichzeitig wurde die Zufahrt zum See wieder hergestellt , die in einen kleinen Privatstrand mündet, der häufig von der Gräfin Browne augesucht wurde.

Villa San Remigio

Genau betrachtet beginnt der Bau der Villa San Remigio in den Jahren 1859 und 1866, also bereits vor der Geburt der beiden Eheleute, als ihre Familien damit begannen, Grundstücke in der Castagnola zu aufzukaufen und das Schweizer Chalet zu bauen. Die Cousins wuchsen in den beiden Villen auf und sahen sich häufig. Auf einem Naturstein vor der Villa steht eingemeisselt, dass es sich um die Erfüllung eines bereits während der Jugendzeit geträumten Traums der beiden Eheleute (sie heirateten im Jahre 1896 ) handelt.
Sophie Browne am Strand der Villa San Remigio
Bei der Verteilung ihres Erbes sorgten sie dafür, dass ihre Besitztümer ausserhalb von Pallanza, in Italien und im Ausland, an die Miterben abzutreten. Im Gegenzug gelang es ihnen damit, alle der von den verschiedensten Familienzweigen bessenenen Grundstücke der Castagnola in einer Hand zu vereinen. Ausserdem kauften sie andere an die Castagnola angrenzende Grundstücke hinzu , die damit den bedeutenden Umfang von heute erreichte.
Nach dem Abriss der bestehenden Gebäude wurde im Jahre 1898 mit der Errichtung der Villa und des Parks begonnen, die den Namen der kleinen romanischen Kirche und den des Castagnola-Hügels mit der Villa teilt.
Die Arbeiten schritten rasch voran , erwiesen sich jedoch als sehr langwierig, da ästhetische und perfektionistische Aspekte im Vordergrund standen , die ständig Änderungen und Nachbesserungen erforderten. Während der Zeit ihres grössten Glanzes waren allein zur Instandhaltung des Parkes bis zu dreissig Gärtner tätig.
Die Realisierung des nach Vorlagen aus der Barockzeit entworfenen nach italienischen Vorbild (geometrisch) Parks erfolgte mit im Antiquitätenhandel erworbenen Statuen aus der Barock- und Rokokozeit . Wegen der starken Hanglage des Grundstücks waren zudem umfangreiche und kostspielige Erdarbeiten zu seiner Einebnung erforderlich.
Neben diesem Teilbereich gibt es einen zweiten, nach englischem Muster und romantischer Geschmackrichtung entworfenen Teil, der mit Bäumen bepflanzt und von Pfaden durchquert ist.
Boccioni: Portrait des Musikers Busoni in der Villa San Remigio (1916)
Auf der Höhe des Anwesens tront ein grosses Gebäude eklektischer Stilrichtung , das dem zu Anfang des 19. Jahrhunderts üblichen Brauch entsprechend spielerisch Elemente des Neoklassizismus mit denen des Barocks miteinander vereint. In seinen zahlreichen Räumen befanden sich auch ein Atelier für die künstlerischen Aktivitäten der Grafin Brwone als Malerin und Bildhauerin sowie das Büro des Grafen Della Valle, der auch als Dichter und Schriftsteller tätig war .
Der Maler Boccioni im Garten der Villa beim Malen des beruehmten Portraits des Musikers Busoni
Die Villa gedieh schnell zu einem internationalen Künstlertreffpunkt , der von mondänen Persönlichkeiten wie beispielsweise der Königin von Rumänien und kulturell hervorstechenden Persönlichkeiten wie (um nur einige berühmte Namen zu nennen) die Schriftsteller Hermann Hesse , Hugo Wolf und Gabriele D'Anninzio , der Komponist Ferruccio Busoni , der Maler Umberto Boccioni und die Klavierspielerin Clara Wieck (die Gattin von Robert Schumann) besucht wurde.
Der Bildhauer Riccardo Ripamonti, der Musiker Busoni una der Maler Boccioni au fer Terrasse von Villa San Remigio (Juni 1916)